Weil Pflegekinder oft komplexe Biografien mitbringen,, kommt Pflegeeltern die besondere Aufgabe zu, den Kindern ihr Leben (und dadurch auch das Leben der leiblichen Eltern) zu erklären.

Weil ein Haftaufenthalt das Kontaktrecht zwischen leiblichen Eltern und Pflegekind beeinflusst, sind bei dem Thema Erklärungen zeitnah nötig und für das Pflegekind wichtig. Doch wie die richtigen, wertschätzenden Worte finden?

Pflegeeltern haben möglicherweise nicht allzuviel Wissen über Untersuchungshaft, Verhandlung, Verurteilung, das Leben in der Haftanstalt und auch Möglichkeiten für Besuche.

Die folgenden Bücher greifen das Thema auf und beleuchten es auf sehr unterschiedliche Weise.

Alle Bücher sind zu finden auf der website des EfKÖ und im Bücherregal im Seminarzentrum Kornhäuselvilla. Gerne bei der nächsten Fortbildung reinlesen!

Im Gefängnis 1

Altersempfehlung: ab 8 Jahren

Dieses Buch geht an das Thema Gefängnis bestmöglich heran: Es spricht ein schwieriges Thema an und lässt es leicht wirken, es formuliert wertschätzend und erklärend, es nutzt die Kraft der bunten Illustrationen zur Ergänzung des Textes, es erklärt warum manche Menschen ins Gefängnis müssen und wie eine Gerichtsverhandlung abläuft. Auch erfahren Kinder in diesem Buch, welche Haftformen es gibt, wie Besuche ablaufen und wann Menschen auch wieder entlassen werden. Das Buch bietet also viele Informationen.

Aber es nimmt auch die Gefühlswelt der Betroffenen auf:
Die Leser*inen (oder Zuhörer*innen) werden mitgenommen in die Lebenswelt von Robert, der ins Gefängnis muss und Sina, seiner Tochter.
So erfahren wir auch, was für Sina schwierig ist, wie sie den Kontakt zu ihrem Vater hält und was sie ihrer besten Freund*in erzählt.

Durch dieses Buch lernen nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene- denn ein Gefängnis sehen nur wenige Menschen von innen! Ein sehr empfehlenswerter Einblick!

Im Gefängnis 2

Altersempfehlung: ab 12 Jahren

Illustratorin Patricia Thoma hat über zwei Jahre hinweg immer wieder Gefängnisse besucht und dort zusammen mit Inhaftierten gezeichnet. Die so entstandenen Bildgeschichten geben einen emotionalen Einblick in das Vorleben der Gefangenen – geprägt von häuslicher Gewalt, Vernachlässigung, Perspektivlosigkeit, Sucht und Straftaten.
Sie erzählen auch von ihrem Alltag zwischen Zelle, Arbeit und Therapie – und von der Hoffnung auf ein Leben ohne Verbrechen im Kreis ihrer Familie.
Die Beschreibung der Gebäude der einzelnen (deutschen) Haftanstalten weitet den Horizont über die Mauern der Haftanstalten hinweg und macht deuetloch, dass diese auch ein Teil einer Stadt, und der Gesellschaft sind.

Die Bilder sind in Zusammenarbeit mit den Betroffenen entstanden und zumeist als Bleistift- Zeichnung umgesetzt. Sie sind sher ausdrucksstark und verdeutlichen Alltagssituationen im Gefängnis.
Dieses Buch gibt einen Einblick in das Leben verschiedener inhaftierter Menschen und ihrer Familien, ihrer Kinder und berührt in besonderer Weise, weil es sich um reale Menschen handelt, die selbst mitgewirkt haben.

Was uns nicht gefallen hat ist folgender Satz im Vorwort: „Die (Kinder) leben meist in Pflegefamilien und werden von der Gesellschaft häufig verurteilt und ausgegrenzt.“ Diese Formulierung lässt Raum für verschiedene Interpretationen, es stellt sich die Frage, woher kommt eine Verurteilung oder Ausgrenzung? Durch den Haftaufenthalt des leiblichen Elternteils oder durch das Leben des Kindes in einer Pflegefamilie?  Hier empfehlen wir daher einen reflektierten Umgang.

Ich reite den Drachen

Altersempfehlung: von 5-10 Jahren

Hauptperson des Buches ist Jan. Sein Vater ist im Gefängnis, das hat ihm aber niemand erzählt, sondern er hat es nur zufällig mitgehört. Jan ist sehr bedrückt; seine Sorgen und Ängste werden in dem Buch durch einen Drachen symbolisiert, der in ihm wohnt und manchmal schläft, dann geht es Jan gut, der aber auch manchmal größer und größer wird, vor allem in der Nacht.

Den Autor*innen gelingt es ganz wunderbar, eine Traum-Geschichte zu erzählen, in der Jan mithilfe einer Freundin seinen Drachen kennen lernt, aber auch andere Menschen und andere Drachen trifft. Durch gemeinsame Gespräche über die Belastungen werden die Drachen friedlicher und verwandelt sich immer mehr in gute Freunde.

Höhepunkt der Geschichte und damit auch titelgebend ist der Moment, in dem Jan lernt, dass er auf dem Rücken seines Drachens fliegen kann. Ein wunderbares Bild für das bezwingen der Ängste und ein neues Lebensgefühl!

Am Ende der Geschichte geht Jan, gestärkt durch dieses starke, positive neue Lebensgefühl auf seine Mutter zu und sie beginnen gemeinsam über Jans Vater und das, was passiert ist, zu sprechen.

Der Text ist aus unserer Sicht sehr phantasievoll und wunderbar gelungen.  Schwachpunkt des Buches sind die Illustrationen: sie sind weitestgehend in schwarz-weiss, manchmal mit grünen Details gehalten und können die im Text beschriebene Verwandlung des Drachen leider nicht widerspiegeln. Zum Teil widerspricht die Illustration sogar dem Text, in dem von einem rosafarbenen Drachen die Rede ist.

Unsere Empfehlung daher: die Erwachsenen lesen die Geschichte vorab und erzählen Sie mit eigenen Worten. Dadurch lässt sie sich auch in der Länge je nach Alter oder Konzentration anpassen und einzelne Details, die für bestimmte Kinder mehr Bedeutung haben, auch stärker betonen.

Positiv und sehr hilfreich ist jedenfalls der Anhang auf den letzten Seiten, der Erwachsenen Hilfestellungen gibt und die Angebote und Anlaufstellen in Deutschland Österreich und der Schweiz; ebenso fein das Vorwort von Irmgard Griss.

Mein Papa ist kein Mörder

Altersempfehlung: Ab 12 Jahren

Für die meisten Menschen es unvorstellbar, gegen das Gesetz zu handeln, straffällig zu werden und deswegen eine Gefängnisstrafe zu bekommen. Auch der Vater als Busfahrer hatte das nie vor und doch wird er aufgrund einer Unachtsamkeit zu drei Jahren Haft verurteilt. Was das mit ihm und seiner Familie macht, beleuchten Christine Hubka und Lukas Vogel in der bewegenden Graphic Novel „Mein Papa ist kein Mörder“.

Ein unachtsamer Moment, ein Griff zum Handy, der eigentlich verboten ist, und Busfahrer Bernd Petermann überfährt ein Kind auf seinem Fahrrad. Er muss dafür ins Gefängnis und das verändert sein Leben und auch das seiner Familie. Die Herausforderungen für ihn selbst, seine Frau und die Kinder werden beschrieben, später auch die Vorbereitung auf die Entlassung und der Neubeginn in einem neuen Leben, das ganz anders ist als das alte.

Autorin Christina Hubka hat viele Jahre selbst als Gefängnisseelsorgerin gearbeitet und daher sehr gute Einblicke in das Leben und die Gefühlswelt von Inhaftierten, aber auch deren Angehörigen. Einfühlsam und bewegend gibt die Autorin Einblicke in eine uns unbekannte Welt. Als Mischung aus erzählender Geschichte und informativen Sachtexten zeigt sie, wie der Alltag im Gefängnis aussieht. Von der Gerichtsverhandlung über die Inhaftierung bis zur Entlassung und der Zeit darüber hinaus beschreibt sie, mit welchen Problemen, Vorurteilen und Schwierigkeiten alle Beteiligten konfrontiert werden. Aufgebaut ist das Werk als Graphic Novel mit eine klaren Bildsprache. Einfache Linien, Schattierungen und eine Begrenzung der Farbwahl auf Grün- und Rottöne vermitteln die beklemmende Stimmung. Es ist trotzdem ein Buch, dass Betroffene informieren und Ihnen damit Kraft und Mut geben will.

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